Eine Produktion ist fertig. Mit lachenden und weinenden Augen strömen die Spielenden wieder hinaus ins private Leben. Zurück bleibt eine herrliche Erinnerung an eine wunderbare Zeit, an ein familiäres sich stützendes Team, an Applaus und Anerkennung.
Zurück bleiben bei mir im Theater eine Unmenge von zurückgelassenen Requisiten: Zeitungen, Federli, Haarspray, Vogelfutter, Gläschen, künstliche Kerzen, Tücher, Kostümteile, Szenenablaufblätter, Papiertaschentücher usw. usw. So häuft sich mit der Zeit hinter der Bühne viel Ghüder auf. Da ich selber mit Schreiben, Planen, Inszenieren voll ausgelastet bin , wird dieser Haufen an Unnützem immer grösser. Letzte Woche durfte ich – nach einem verzweifelten Aufruf – auf die fünf Frauen auf dem Foto zählen, die sich dieses ganzen Mists angenommen haben. Ich freue mich über diese Wertschätzung mir und meiner Arbeit gegenüber.
Die Theaterarbeit als Profi mit Hobbyschauspielenden hat viele, viele wunderschöne Seiten, aber wie alles auch problematischere.
Ich füge hier unkommentiert einen Ausschnitt aus einem Interview mit einer Theaterschaffenden – wie ich es bin – an.
| Redaktion | Zum Schluss unseres Interviews komme ich zu einer eher heiklen Frage. Wie wir bereits erwähnt haben, arbeiten sie als professionelle Regisseurin und Autorin vor allem mit Amateuren. Sie müssen davon leben. Geht das? |
| Ike | Jein. Ich kann gleich vorausschicken, dass ich mit meinem steuerbaren Jahreseinkommen unter dem örtlichen Existenzminimum lebe. Dank der ausbezahlten Pensionskasse – als ich den Geldjob aufgegeben habe, um 100% Theater zu schaffen – kann ich überleben und so wichtige Ausgaben wie Krankenkasse, Essen und Miete überhaupt bezahlen. Der einmal zu erwartende AHV-Beitrag wird auch unter dem Existenzminimum sein, und ich werde weiterhin arbeiten müssen/dürfen. Bei meinem wunderbaren Beruf eigentlich ein Segen, so lange man im Alter überhaupt noch arbeiten kann. Was nachher kommt ist offen. |
| Redaktion | Aber, es gibt doch Richtgagen vom Berufsverband A.C.T. |
| Ike | Ja, die gibt es. Nur, wenn man mit Amateuren in kleinen, nicht profitorientierten Projekten arbeitet, können diese Gagen kaum erreicht werden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Richtgage gemäss ACT für ein Auftragsstück beläuft sich zwischen 10-15 000 Franken plus zusätzlich Tantiemen von den Vorstellungen. Wenn ich 5000.- ohne Tantiemen verlange, gibt es Veranstalter, die die Hände verrühren. |
| Redaktion | Aber dann sind Sie doch irgendwie selber schuld, wenn sie nicht die empfohlene Gage verlangen. |
| Ike | Sie haben recht. Nur vermögen es die Veranstalter von kleinen Produktionen nicht mehr zu bezahlen. Da muss man realistisch sein. Und ich habe lieber den Auftrag, der mich interessiert, mich fordert und mir Freude macht, als keinen Auftrag. So einfach ist das! |
| Redaktion | Das ist die harte Realität des Künstlers in unserer Gesellschaft. Aber woher bekommen sie dann die Wertschätzung ihrer Arbeit? |
| Ike | Oh. Durch diese grossartige, kreative, vielfältige Arbeit an sich, durch den ganzen Schöpfungsprozess von Schreiben und Inszenieren, von der Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Menschen. Von rundum. Von dankenden Zuschauern. Von stolzen Spielenden. Das ist viel, sehr viel wert. |
| Redaktion | Also, alles Friede, Freude, Eierkuchen. |
| Ike | Nein. Nicht. Was mich dann manchmal nachdenklich stimmt, ist die Haltung von einigen Hobbyschauspielenden, die meinen, ich verdiene ja an ihnen und schliesslich hätten sie selber auch Spesen. Überlegen Sie nur, was man sonst für ein Hobby an Mitgliederbeiträgen, Materialien und zusätzlichen Arbeitseinsätzen leistet: Tennis, Golf, Sport in jeder Form oder Beiträgen in Form von Geld und zusätzlicher Mitarbeit an den Jodlerclub, den Trachtenverein, Turnverein, Kochclub usw. usw. Bei mir im Theater ist alles gratis. Und alles bedeutet neben den theatereigenen Dingen wie Kostümen, Requisiten, Bühnenbild, Mieten, Werbematerial, Getränke, Knabbereien usw: Soziale Kontakte, bei einem tollen Projekt überhaupt mitmachen zu dürfen, Gemeinschaftsgefühl, Förderung von Kopf, Herz, Kreativität, Koordination, sich ausdrücken über Körper, Stimme und Gestalten von Figuren, Förderung des Selbstwertgefühls, der Fantasie, Teamgeist, Fairness, Toleranz, Mut sich zu zeigen, über seinen Schatten springen zu lernen, stolz zu sein auf sich selber und schlussendlich riesige Anerkennung durch den Applaus und die Rückmeldungen des Publikums zu bekommen und vieles mehr. Einige können leider halt nicht erkennen, dass das, was für sie ein nahezu kostenloses Hobby für mich der Beruf ist, von dem ich leben muss. |
| Redaktion | Frustriert Sie das nicht? |
| Ike | Nein, eigentlich nicht. Ich wundere mich nur. Aber die Arbeit mit so vielen verschiedenen Menschen hat halt auch ihre Schattenseiten. Das gehört dazu. Und 90 % der Spielenden können meine Arbeit wertschätzen und das, was ich ihnen biete, für sie kreiere und MIT IHNEN GEMEINSAM erarbeite und nehmen nicht alles als selbstverständlich hin. Im übrigen: Ich habe diesen Weg gewählt, freischaffende Bühnenkünstlerin zu sein, und es ist gut so. |
| Redaktion | Kann man sagen, es mangelt bei einigen an der Erkenntnis vom Wert Ihrer Arbeit. |
| Ike | So hart würde ich es nicht formulieren. Aber es geht schon irgendwie in diese Richtung. Ich habe aber diesbezüglich auch grobe Fehler gemacht. Beispielsweise war das Theaterspielen für Kinder bei mir am Anfang gratis. Da habe ich ja selber den Eindruck erweckt, meine Kulturarbeit sei nichts wert. Und diese Einstellung zieht sich dann bis ins Erwachsenenalter hinein. Das war dumm von mir! |
| Redaktion | Künstler scheint mir ein harter Beruf zu sein. |
| Ike | Da kann ich auch wieder jein sagen. Es ist hart, weil man auf das Wohlwollen und die Anerkennung des Publikums angewiesen ist. Wenn man sie berühren, bewegen und zum Denken anregen konnte, dann kommen die Besucher wieder, was bedeutet, dass man etwas verdienen kann. Dieser ständige Druck, ob man gut genug ist, ob sein Werk Anerkennung findet, ist oft sehr belastend. Bei mir beispielsweise sind es Bedenken zu versagen und Zweifel an mir, die manchmal bedrückend und kräfteraubend sein können. In diesen Situationen wird man manchmal emotional. Dies ist für mich sehr hart. Es ist auch nicht immer ganz einfach, ein Team von starken Individuen zu führen. Da muss man eine Balance finden zwischen weich und hart, offen und klar sein. Auf der anderen Seite übt man einen Beruf aus, der alle Komponenten einer glücklich und zufrieden machenden Arbeit darstellt. Hart ist sicher auch, dass man – wenn man sich selber treu ist und nicht seine Seele wegen des Geldes an profitorientierte Projekte verkauft – halt keine Riesenverdienste hat. |
| Redaktion | Sie müssen Eintritte verlangen. Hören Sie nie, dass es zu teuer ist? |
| Ike | Nein, bei meinen eigenen Projekten nie. Vielleicht bin ich zu günstig. (lacht) Doch, da war mal was. Wir mussten, weil Tribüne, Technik und Angebot des Internetvorverkaufs erheblich teurer geworden sind, die Preise von 39.- auf 42.- Franken erhöhen. Da habe ich prompt eine Reaktion erhalten. Vier Damen würden nicht mehr kommen, weil es zu teuer sei. Sicher sassen sie dabei in der Bar bei einem überteuerten Cüpli, als sie diesen Entscheid fällten. (lacht).
Wegen «zu teuer» kommt mir gerade eine Geschichte einer befreundeten Bildhauerin in den Sinn. Sie hat während 10 Tagen, also während rund 80 Stunden, eine grosse Marmorskulptur geschaffen. Einer Dame gefiel diese sehr gut, und sie meinte grosszügig: «Also 500 Franken würde ich schon dafür ausgeben». Was einen Stundenlohn von Fr. 6.25 bedeuten würde und dies ohne Materialkosten, die alleine schon mehr als diese 500.- ausmachen. |
| Redaktion | Kunst ist Luxus. Kunst ist nicht notwendig. An der Kultur und an den Schulen wird immer zuerst gespart. Aber das ist ein grosses Kapitel und würde den Rahmen unseres Interviews sprengen. Haben Sie noch einen Wunsch? Möchten Sie unseren Lesern noch etwas sagen? |
| Ike | Ich wünschte mir, dass es keine Finanzchefs mehr gäbe, die sagen: «Ich bin auch ohne Kultur gross und stark geworden.» Oder: «Es ist richtig, wenn Künstler wenig verdienen, schliesslich tragen sie keine Verantwortung.» (Originalzitate)
An die Leserinnen und Leser: Lassen Sie Kultur Teil ihres Lebens sein! Sie werden bereichert! Und: Ohne Sie als Kunstgeniesser verpuffen unsere Werke ins Leere! Danke! |
P.S. … und dann bekommt man unerwartet Mails von Spielenden mit Texten wie: “… einfach eindrücklich, deine Superregiearbeit!!” oder “… ein riesiges Chränzli für dein Engagement. Danke tuusig für die Isatz …” Und das wiegt doch alles andere auf!!!
3 Kommentare
…den Nagel auf den Kopf getroffen
Wieder gut geschrieben, liebe Iris. Wie viele schöne Stunden (von den andern reden wir nicht) hätte
ich in all den Jahren verpasst und nicht erlebt, wenn ich dir nicht über den Weg gelaufen wäre.
Ich bin eine ehemalige Laienspielerin auf der Bühne von Iris Minder. Das Problem ist, dass sich da eine Symbiose abspielt: Iris Minder profitiert vom Freischaffen und dem “keinen Chef haben” und die Spielenden bekommen eine Weiterbildung die ihresgleichen sucht. Wenn ich die Preise sehe, die für Weiterbildungen aller Art bezahlt werden, dann ist es ein Hohn, dass man bei Iris Minder, ausser den Spesen, nichts zahlt. Aber in Gesprächen darüber mit der Regisseurin spürte ich, dass das für sie nicht stimmen würde, und dass vielleicht auch einige, die jetzt spielen, nicht mehr dabei wären. Was wiederum auf das Schaffen von Iris Minder einen Einfluss hätte. Es ist immer so: wer aus ideologischen Gründen eine Meinung vertritt, und sogar die Existenz damit verbindet, wird nie gerecht bezahlt werden. Aber die Freiheit, die aus einem solchen Schaffen entsteht, ist auch unglaublich und eben unbezahlbar. Ich bin nach wie vor für ein bezahltes Mitmachen der LaienschauspielerInnen. Man könnte auch versuchen, dass diese selber bestimmen, welcher Betrag ihr Mitspielen ihnen möglich ist. Iris Minder wäre dazu die richtige Person, aber ob sie es annehmen könnte und möchte, ist halt ganz ihre Entscheidung.
Ich habe so sachlich geschrieben, liebe Iris, weil manche Dinge erst im Licht der Sachlichkeit ausgedrückt werden können. Ich freue mich und bin unendlich dankbar über und für dein Wirken.