Iris Minder

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Liebe Leserinnen
Liebe Leser

Ich glaubte immer, dass Loslassen etwas Äusseres ist, irgendwie eine bewusste Handlung mit dem Kopf, bewusst erledigen. In den letzten drei Jahren musste ich sehr viel loslassen, bis zur Erschöpfung, und gerade jetzt meinen geliebten Beruf, die kreative Tätigkeit, die mich ausmacht. Dabei merke ich, dass es ein innerer Prozess ist, der ganz stark im Unbewussten abläuft.

Das Loslassen der eigenen Theaterprojekte

Ich dachte: Jetzt lasse ich los. Ich habe es ja schon seit einem Jahr geplant, und jetzt ist alles gut. Erledigt. Aber dann meldete sich mein Körper mit Magenproblemen, mit Schlaflosigkeit, mit Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Mein Körper, meine Seele haben mir gezeigt, dass diese Ablösung doch nicht so einfach von sich geht. Ist ja eigentlich logisch, wenn man einen Güterwagen voll mit erschaffenen Welten, mit kreativen Projekten, mit wunderbaren Menschen, aber auch Verletzungen, Wunden und Unverständnis mit Vollbremse nicht einfach so von einem Moment auf den andern stoppen will. Da ist ein Tunnel zu durchfahren und zu ertragen. Den Dreck und den Ballast lässt man im Tunnel, und das viele Wunderschöne, Wunderbare, Herrliche nimmt man auf die andere Seite. Der Blick wendet sich ab von Leistung und Funktion und öffnet sich für etwas Anderes. Man hat es losgelassen, aber es bleibt fest eingebrannt in der Seele oder in der Hirngegend, die für die Erinnerung und die damit verbundenen dankbaren und liebevollen Gefühle zuständig ist.

Loslassen von Menschen

Das Schwerste ist sicher das Loslassen von geliebten Menschen, von liebevollen Beziehungen, schönen Begegnungen, verständnisvollem Austausch und gemeinsamem, wertvollen gegenseitigem Stützen. Bei jeder Produktion sind wir alle zu einer Familie zusammengewachsen. Nach den gemeinsam erschaffenen Welten muss diese Familie losgelassen werden. Häufig konnten sich viele «Familienmitglieder» damit trösten, bald in einer neuen Theaterwelt wieder zu einer Familie zusammenwachsen zu dürfen. Was für mich immer bleiben wird, ist Wärme und Dankbarkeit.

Wie in einer normalen Familie gibt es auch in der Theaterfamilie Konflikte: Neid, Eifersucht, Missgunst, Missverständnisse. Das ist menschlich. Das ist schwer loszuwerden, weil alte Wunden aufreissen und Triggerpunkte aufgewirbelt werden. Das gemeinsame Gespräch suchen, aufeinander zugehen, sich erklären können und sich die Hand reichen, wäre so ungeheuer wertvoll. Leider fehlt uns oft die Grösse dazu. Leider.

Was gewinne ich durch Loslassen?

Ich hoffe schon, durch diesen «Loslassprozess» etwas zu gewinnen.

  • Platz für Neues? Neue Wege? Neue Menschen? Neue Tätigkeiten? Neue Ideen?
  • Leichtigkeit? Loslassen der Macht von Verletzungen? Von belastenden Beziehungen? Von der Angst, nicht gut genug zu sein, sei es in der Arbeit, sei es als Mensch?
  • Unabhängigkeit? Frei von Erwartungen und Forderungen? Frei vom Drang, es allen recht machen zu müssen; zu erfüllen, was andere fordern; zu sein, wie man glaubt, für andere sein zu müssen. Sich selber sein dürfen, ohne Angst, verurteilt zu werden?

Das Loslassen von meinem kreativen, schöpferischen Theaterschaffen, von dem, was ich von Kopf bis Fuss bin, von dem, was mir in die Wiege gelegt wurde, ist nicht einfach. Es war ein langer Weg, bis ich diese Berufung endlich leben konnte. Es begann damals als Sechsjährige, als ich nach dem Weihnachtsmärchen «Schneeweisschen und Rosenrot» genau spürte: Da gehöre ich hin, das bin ich, das ist mein Leben. Dieser Wunsch war so elementar, dass ich mich über Jahrzehnte nicht getraute, diesen Beruf wirklich zu ergreifen. Ich fühlte mich unfähig. Deshalb war die Theaterwelt für mich unerreichbar. Dann, mit Fünfzig, der Sprung ins kalte Wasser, der Mut, endlich dort anzukommen, wo ich 44 Jahre lang hinwollte! Jetzt lasse ich altershalber meine Welt los. Und ich merke gerade, dass ich diesen Abschnitt mit einem Lächeln im Gesicht schreibe. Es ist gut. Alles ist gut.

Von Herzen wünsche ich Euch allen ein gutes neues Jahr und hoffe, Ihr könnt Ballast zurücklassen und frei werden für Neues, für innere Unabhängigkeit, frei von Verletzungen und Groll. Ich wünsche Euch, Ihr könnt Beziehungen und Freundschaften geniessen, die Euch guttun, Euch gegenseitig bereichern und die auf Wahrhaftigkeit beruhen. Kleiner Tipp für Euch und mich: Redet miteinander, statt übereinander!

Eure Iris Minder

11 Kommentare

    1. Hoi Iris!
      Ig verstah di, dass es dir nid so liecht faut, wie du dänkt hesch. Mir dir ds schaffe isch eifach wunderbar gsi. Ig wirde di mega vermisse ❤️❣️

  1. Liebe Iris
    Danke für die so wahren Worte. Das Loslassen trifft uns alle im Leben. Die Suche nach dem wie mach ich das, ist und bleibt eine Herausforderung.
    Ä liebe Gruess Roli

    1. Lieber Roli
      Ja, es ist eine Herausforderung. Gerade in meinem/unserem Alter. Es gibt mehr, das man nicht mehr machen kann, wo mein eingeschränkt ist, Menschen, die gestorben sind, aber auch unsere vierbeinigen Familienmitglieder. Trauer gehört für mich auch zum Prozess des Loslassen. Auf jeden Fall pack sie einen manchmal unvermutet. Alles Liebe. Iris

  2. eindrückliche Gedanken und Worte……
    viel Freude an der gewonnen Freiheit!
    Alles erdenklich Gute wünsch ich dir auf deinem zukünftigen Weg.

  3. Liebe Iris
    Die Rezepte aus deinem Kochbuch „Loslassen“ sind weise, vernünftig, also mustergültig. Wenn du dich an die guten Vorschläge hältst, kommt es gut und du wirst Neues und Interessantes gewinnen.
    Dir wünsche ich einen guten Start ins neue Jahr und freue mich auf baldige Begegnungen.
    Herzliche Grüsse
    Martin

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