Meine lieben Leserinnen und Leser
Wir sind eingeschneit. Der sicher 50 cm hohe Schnee ist so schwer, dass der Motor des Schneepflugs versagt. Und es schneit weiter. Für mich ein ungutes Gefühl, eingeschlossen und sozusagen gefangen zu sein, eingegrenzt zu werden und sich nicht frei bewegen zu können, wegfahren zu können, Leute treffen zu können … usw.*
Immer wieder gehe ich nach draussen, um die Vogelfutterstellen von der neuen Schneeschicht zu befreien. Getrocknete Mehlwürmer, spanische Nüssli, Sonnenblumenkerne mit und ohne Schale, Weinbeeren, Haferflocken und natürlich Fettfutterkugeln und gefüllte Kokosschalen. Die eine fülle ich immer mit Insektenfett. Und die Vögel scheinen es zu schätzen. Beim hohen Schnee müssen sie nicht befürchten, von einer Katze gekrallt zu werden.

Vor 65 Jahren
Ich habe mich versucht zurückzuerinnern, wie es damals als Kind mit dem Schnee war und bin erstaunt, dass mir solche Situationen nicht geblieben sind. Was jedoch geblieben ist, sind die Skifahrten als Schulkind in Emmenbrücke bei der Herdschwand. Da stand ein Bauernhof mit einer Hostet und dahinter erhob sich ein kleiner Hügel. Da stapften wir hinauf und dann ging es mit Schwung hinunter. Oder auch nicht. Es kam darauf an, ob wir die für uns viel zu langen hölzernen Skier (ich bekam die von meiner Mutter) gewachst hatten. Und es musste der richtige Lack sein. Wehe versuchte man es ohne diese Rutschhilfe. Dann blieb man ganz einfach stecken. Das Gewicht der Skier wurde so schwer, dass man sie manchmal fast nicht mehr heben konnte. Es bildeten sich nämlich sogenannte «Chlöbe», harte Schneeablagerungen, die schwer lasteten und manchmal in der Grösse und Dichte die Schneeschicht übertrafen. Ich wollte immer wieder fahren gehen, dies, obwohl es, eigentlich keine grosse Freude war. Neben der ganzen Wachserei trugen wir Lederschuhe und Wollsocken. Letztere sind für mich zwar heute im Winter eine Wohltat (von meiner Schwester gestrickt), damals aber mit diesen Schuhen zusammen wurde alles pflotschnass. Bei grosser Kälte gefroren diese für warme Füsse zuständigen Accessoires. Und dann begannen die Zehen beim Aufwärmen zuhause zu «nägelen». Alles einfach schmerzhaft und unangenehm. Und trotzdem zog es mich immer wieder mit den Skiern zu diesem Hügel. Übrigens: Dort befindet sich inzwischen ein grosses Einkaufszentrum und eine Menge Zufahrtsstrassen. Die Bilder aus meiner Kindheit und Jugend sind jedoch fest verankert.
Eisblumen und gefrorene Bettdecken
In den Luzerner Fasnachtsferien durften wir mit den Eltern ins Engadin zum Skifahren. Ich erinnere mich an eine ganz besondere Unterkunft. Ein altes, sehr einfaches Häuschen am Inn bei S-chanf. Ich fühle und rieche noch jetzt diese kalte, reine und frische Luft, durchzogen mit dem Duft des brennenden Holzes aus den Kaminen. Wir hatten nur eine Heizmöglichkeit: Ein Holzofen in der Küche. Auch der Kochherd wurde mit Holz erwärmt. Wir sassen – es waren sicher sieben Personen – zusammengedrängt auf den Holzbänken dieser kleinen Küche. Gemütlich, kuschelig und sehr war. Dann mussten wir Kinder schlafen gehen. Riesige Betten mit unheimlich hohen Bettdecken (so empfand ich es jedenfalls als Kind). Unsere Mutter legte Bettflaschen auf die Matratze. Dort war es warm. Aber die Bettdecken fühlten sich hart an. Sie waren gefroren. Wirklich. Gefroren. Langsam verbreitete sich Wärme und man schlief ein. Mir ist schon damals als Kind aufgefallen, dass ich sonst nie so gut schlafe, wie in diesem kalten Zimmer, an dessen Fenster am Abend wunderschöne Eisblumen blüten. Es musste damals in jenem Winter nachts sicher um -20 Grad gewesen sein. Dem Inn entlang verliefen Hochstromleitungen (oder einfach Stromleitungen … kenne mich da nicht aus). Aber das Faszinierende war, dass sie bei dieser Kälte zu singen begannen. All das zusammen ist in meine Erinnerung eingebrannt: Düfte, Rauch, Wärme, Kälte, Eisblumen, überhitzte Küche, Gemeinsamkeit, die riesigen Bettdecken und das Singen der Stromdrähte. Es bedeutete: Daheim sein, aufgehoben sein, Einfachheit. Brauchen wir mehr?

Ein kurzer Ausflug ins Heute
Meinen Herzensberuf aufzugeben, ist mir gar nicht so schwer gefallen, wie ich befürchtet habe. Eines jedoch ist mir in den letzten Tagen aufgefallen. Was schwer fällt ist die Verantwortung abzugeben. Eigentlich genau das, was ich wollte: Keine Verantwortung mehr zu haben, ausser für mich und mein Privatleben. Mich erstaunt, dass ich innerlich immer noch das Gefühl habe, zu schauen, dass alles funktioniert, dass alles gut weitergeht, es den Leuten gut geht, alle zufrieden sind … usw. Loslassen, Frau Minder!!!
Es gibt ja den Verein BLAWO, der alle unsere Theatergruppen ideell, finanziell und Vereinsraum mässig unterstützt. Ein ganz, ganz wertvoller Verein für das Kindertheater BLITZ, das neue Jugendtheater und das theater, JAWOHL. An der letzten Vereinssitzung habe ich logischerweise meinen Rücktritt aus dem Vorstand bekannt gegeben. Was mich damals ganz besonders gefreut hat, ist das echte und grosse Verständnis, dass ich keine Verantwortung mehr übernehmen kann und will, auch wenn es für sie in der Realität vielleicht etwas schwierig ist Allerdings habe ich versprochen aktiv mitzuhelfen, ein neues Theaterlokal zu finden. Wie lange BLAWO noch an der Brühlstrasse bleiben können, ist unklar. Vielleicht kann jemand von Euch einen Tipp geben oder hat Interesse und Freude BLAWO mitarbeitend oder finanziell zu unterstützen. Es gibt eine Webseite: www.blawo.ch. Dort finden Sie auch den Kontakt. Ihre Unterstützung ganz gleich welcher Art ist wertvoll und auf keinen Fall verlorenes Geld.
Nun wünsche ich allen Freude am Schnee und grüsse herzlich
Ihre Iris Minder
*Unsere Zufahrt ist jetzt gegen Abend frei. Susi hat bis jetzt alles freigeschaufelt.

6 Kommentare
….. und abends mussten wir im Engadin über die Innbrücke ins Dorf Milch holen. Die Brücke war total vereist. Vor allem aber wenn wir „aufgetaut“ waren nach dem Tag draussen, mussten zwei von uns noch einmal raus…
Woran ich mich auch erinnere: Iris, meine Schwester, fand es wichtig, dass wir abends zum Training mehrmals „Laurentia“ machten. Ich konnte am andern Tag kaum noch gehen vor Muskelkater!! Und wer freute sich????
Oh, Doris, das weiss ich nicht mehr, das mit der Milch und Laurentia. Letzteres scheint mir eine geniale Idee von mir gewesen zu sein.
Liebe Iris
Deine Erzählung erinnert mich an unsere ersten Skifahrten auf der Museggwiese in Luzern, wo ich aufgewachsen bin. Und zur Schule gingen wir noch mit Holzschuhen im Winter. Eisblumen gab’s auch an den Fenstern. Sie waren wunderschön. Und die Möwen waren froh m das Futter, welches wir auf dem Fenstersims für sie bereit legten.
Geniess den Winter, wer weiss wann der nächste Schnee fällt.
Liebe Grüsse
Edith
Liebe Edith
Danke für deine persönliche Erinnerung. Rückblickend war es halt schon eine gute Zeit. Die Natur und ihre Wirkung erlebten wir auch sehr körperlich, direkt. War nicht immer angenehm, lehrte mir auf jeden Fall sie, die Natur, zu respektieren. Und du konntest in der Stadt Luzern skifahren…
Ich absolvierte übrigens im Museggschulhaus das “Töchteregymnasium”. Dass du auch “Lozärneri” bist, war mir nicht bewusst. Und, wie ich, reformiert?
Alles Liebe und viel Genuss mit dem heute seltenen Schnee! Iris
Jawohl, liebe Iris, wie du reformiert. Wir waren in der 3./4. Klasse 52 (!) Mädchen, davon 50 katholisch und 2 reformiert. Es war für mich schön, als ich nach Grenchen kam und die Konfession einfach kein Thema war. Unterdessen wird sich auch in Luzern einiges geändert haben.
Wir waren ca. 30 Schüler und ebenfalls zwei reformiert. Der Zusammenhalt unter den Reformierten war sehr eng. In meiner Familie war es besonders wichtig. Unser Pfarrer, Peer Jäggi, war fast täglich Gast bei uns zuhause. Er hat später in Luzern auch politisiert und wurde als reformierter, sozialdemokratischer Kantonsrat und sogar Kantonsratpräsident. Mein Vater war später Synodalratspräsident. Dieser Zusammenhalt und dieses Eingebundenseinin die reformierte Gemeinschaft in der Diaspora hat mich geprägt. Leider habe ich das in den reformierten Orten soäter nie mehr so empfunden.