Iris Minder

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Als im Kurpark plötzlich niemand zuständig war

Ich hatte mich auf einen gemütlichen Ausflug mit Mira in den Kurpark von Bad Krozingen gefreut. Ich kannte ihn als grünen Ort mit mächtigen Bäumen, schattigen Wegen und einem plätschernden Bach. Ein Park, in dem man für eine Weile zur Ruhe kommen konnte.

Ich nahm ein paar Früchte mit. Während ich später auf einem Bänkli etwas essen würde, sollte Mira ausgiebig schnuppern und all die herrlichen Hundedüfte entdecken, die ein solcher Park zu bieten hat.

Doch schon bald verflog meine Vorfreude.

Ein Park, den ich kaum wiedererkannte

Der wunderschöne grüne Park war braun geworden. Viele Wiesen waren vertrocknet, und der Bach, dessen Plätschern für mich zu diesem Ort gehörte, war nur noch ein schwaches Rinnsal.

Ich fand zwar ein Bänkli im Schatten. Doch gemütlich wurde es dort nicht. Vor mir lag die ausgedörrte Landschaft, und ich fragte mich, wie lange wir Menschen noch so tun wollen, als ginge uns das alles nichts an.

Wir verfügen über Wissen, technische Möglichkeiten und einen Verstand, mit dem wir vieles bewahren könnten. Gleichzeitig leben wir, als stünden uns Wasser, Energie, Natur und Lebensräume unbegrenzt zur Verfügung. Wir wissen seit Jahrzehnten, welche Folgen unser Lebensstil hat. Trotzdem fällt es uns so schwer, unser Verhalten zu ändern.

Auch ich sitze auf diesem Ast, an dem wir gemeinsam sägen. Auch ich fahre Auto, verbrauche Ressourcen und geniesse einen Komfort, dessen Preis oft andere Lebewesen bezahlen.

Während ich auf dem Bänkli sass, empfand ich keine Erholung. Der Zustand des Parks bedrückte mich. Doch das Schlimmste stand mir noch bevor.

Zwei kleine Igel im trockenen Laub

In einem Haufen aus Ästen und dürrem Laub entdeckte ich zwei winzige Igel.

Igel berühren mich besonders. Mit ihren Stacheln wirken sie wehrhaft und gut geschützt. Doch dieser Schutz ist trügerisch. Gegen Autos, Mähroboter, den Verlust ihrer Lebensräume, Trockenheit und Nahrungsmangel helfen ihnen ihre Stacheln kaum.

Die beiden Kleinen lagen auf dem ausgetrockneten Laub. Sie atmeten noch, wirkten aber sehr schwach. Ob die Hitze, Wassermangel, eine Krankheit oder etwas anderes ihren Zustand verursacht hatte, konnte ich nicht beurteilen. Sicher war nur: Diese Tiere brauchten Hilfe.

Auf einem anderen Bänkli sass eine Frau mit einem Hund. Neben ihr stand eine volle Wasserflasche.

Ich fragte sie, ob sie mir ein wenig Wasser geben könne. Zuerst schaute sie mich abweisend an. Ich erklärte ihr, das Wasser sei weder für mich noch für Mira bestimmt. Im Laub lägen zwei hilflose kleine Igeli.

Widerwillig schüttete sie etwas Wasser in einen unbenutzten Robidogsack, den ich ihr hinhielt. Mehr könne sie nicht geben, sagte sie.

Ich eilte mit Mira zu den beiden Igeln zurück und liess etwas Wasser in die Nähe ihrer Schnäuzchen laufen. Ob ihnen das half, weiss ich bis heute nicht. Vielleicht war die Handlung unsinnig. Vielleicht hätte ich ganz anders reagieren müssen.

Ich war aufgewühlt, verunsichert und wusste nicht, was richtig war.

«Für die Tiere erst, wenn sie tot sind»

Ich suchte nach jemandem vom Parkunterhalt. Tatsächlich kam wenig später ein Mann auf einem kleinen Traktor den Weg entlanggefahren.

Ich hielt ihn an und schilderte ihm die Situation.

«Ich bin dafür nicht zuständig», sagte er.

Ich versuchte nochmals zu erklären, dass dort zwei kleine, vermutlich hilfsbedürftige Igel lägen.

Seine Antwort werde ich nicht vergessen:

«Wir sind nur für die Pflanzen zuständig, nicht für die Tiere. Für die Tiere erst, wenn sie tot sind.»

Damit fuhr er weiter.

Vielleicht hatte er tatsächlich keinen Auftrag, sich um verletzte oder geschwächte Wildtiere zu kümmern. Vielleicht wusste auch er nicht, was zu tun war. Doch in diesem Augenblick klang seine Antwort für mich wie eine Bankrotterklärung.

Für die Pflanzen war jemand zuständig. Für die Wege, die Bänke und die Abfälle ebenfalls. Für zwei leidende Tiere fühlte sich niemand verantwortlich.

Und ich?

Ich nahm die beiden Igel nicht mit. Ich suchte keine Tierarztpraxis und keine Wildtierstation. Ich rief niemanden an. Ich blieb unsicher, stand dort mit Mira und liess mich von der Situation überfordern.

Später quälte mich der Gedanke, dass ich entschlossener hätte handeln müssen.

Menschen gehen vorbei

Rund um uns ging das Leben weiter. Menschen spazierten durch den Park, tranken, redeten und genossen ihren Ausflug. Nicht weit entfernt hörte ich Kinder lachen und im Parksee planschen.

Kaum jemand bemerkte die beiden Tiere im Laubhaufen.

Ich will mich über diese Menschen nicht erheben. Vor wenigen Minuten war auch ich noch in den Park gekommen, um einen angenehmen Nachmittag zu verbringen. Ich hatte meine Früchte dabei und freute mich auf ein schattiges Bänkli.

Dann sah ich etwas, das ich nicht mehr übersehen konnte.

Vielleicht liegt darin ein Teil unseres Problems: Solange wir die Folgen unseres Handelns nicht unmittelbar vor Augen haben, können wir sie verdrängen. Wir lesen von trockenen Sommern, verschwindenden Tierarten und zerstörten Lebensräumen. Doch vieles bleibt abstrakt.

Zwei kleine Igel im dürren Laub sind nicht abstrakt.

Sie atmen. Sie leiden möglicherweise. Sie liegen direkt vor einem. Und plötzlich stellt sich die Frage, was man selbst zu tun bereit ist.

Und ich sass mittendrin

Auf der Rückfahrt stand ich im Stau. Auto an Auto, aufgeheizter Asphalt, laufende Motoren.

Und ich sass mittendrin.

Ich konnte die anderen nicht anklagen, ohne mich selbst einzubeziehen. Auch ich war mit dem Auto unterwegs. Auch ich hatte meinen Anteil an jener Lebensweise, die mich im Park so erschüttert hatte.

Im Hotelzimmer musste ich immer wieder an die beiden Kleinen denken. Ich stellte mir vor, wie sie noch immer zwischen den trockenen Blättern lagen. Vielleicht hatte inzwischen jemand geholfen. Vielleicht auch nicht.

Der Gedanke, dass ich mehr hätte tun können, machte mich traurig. Ich hätte die Tiere in Obhut nehmen und gezielt nach fachlicher Hilfe suchen können. Stattdessen liess ich mich von meiner Unsicherheit lähmen.

Ich kann diesen Nachmittag nicht zurückholen. Ich kann auch nicht mit Sicherheit sagen, ob ich die beiden Igel hätte retten können.

Doch ich kann eine Konsequenz daraus ziehen.

Beim nächsten Mal möchte ich vorbereitet sein. Ich will wissen, welche Wildtierstation oder Tierarztpraxis ich verständigen kann und wie ich mich verhalten soll, bis fachkundige Hilfe eintrifft. Ich möchte nicht nochmals dastehen und darauf warten, dass sich irgendjemand zuständig fühlt.

Denn manchmal beginnt Verantwortung genau dort, wo alle anderen sagen:

«Dafür bin ich nicht zuständig.»

10 Kommentare

  1. Liebe Iris
    Sicher legte die Mutter die Kleinen da ab und kam nach ihrer Futtersuche zurück.
    Vielleicht ist es gut, dass du sie nicht weggenommen hast!
    Herzlich
    Doris

  2. Jeden Abend besucht uns ein Igel in unserem Garten. Wir haben nun in allen Ecken Wassergefässe hingestellt und überlegen uns noch betr. Futter was empfehlenswert wäre. Wir haben kürzlich gelesen dass es den Igeln schlecht geht, sie kein Wasser und kein Futter mehr finden und ihre Jungen im Nest verhungern. Ja es ist traurig wie weit wir es gebracht haben. Aber wie du schon schriebst, sind wir alle verantwortlich für diese Situation und jeder/ jede könnte in ihrem Umkreis schon viel bewirken und ihren Beitrag leisten, also fangen wir an

  3. Liebe Iris
    Dein „Ausflugsbericht“ geht mir nahe , berührt mich und lässt auch mich nachdenklich werden.
    Wie hätte ich wohl in der gleichen Situation gehandelt? Vermutlich gleich wie du! Ich wäre irgendwie auch überfordert gewesen mit dem „Handeln“….
    Deinen Erlebnisbericht sollten viele Menschen lesen und ihn zu Herzen nehmen.
    Deine Gedanken sind auch meine. Versuchen wir, aus deinem Erlebten einiges zu lernen und es auch weiterzugeben.
    Danke herzlich für deine nachdenkliche „Geschichte“.

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