Iris Minder

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Ins Altersheim? Nie!

Wenn man zwar älter aber immer noch aktiv ist und mitten im Leben steht, ist die Vorstellung, einmal im Altersheim seinen Lebensabend verbringen zu müssen, eine richtiggehende Horrorvorstellung. ‘Wartesaal des Todes’ hört man dann oft auch sagen.

Mit Mira zusammen gehe ich seit Oktober letzten Jahres regelmässig ins Altersheim. Gemeinsam haben wir bei Tanja Kohli-Crivelli, Hundetrainerin und Inhaberin der Hundeschule Juradog die Ausbildung zum Therapiehundeteam gemacht und diese mit der Zertifizierung abgeschlossen. Seit dann sind wir gemeinsam im Tertianum Sphinxmatte «engagiert» und besuchen Bewohnerinnen und Bewohner. Unsere Arbeit nennt sich korrekterweise «tiergestützte Aktivitäten». Ich werde immer wieder gefragt, was wir da so machen und was es bringt. Deshalb beschreibe ich anstelle von Theaterthemen mal so einen Besuchsablauf, beispielsweise den Einsatz von letzter Woche.

Ich fahre mit dem Auto vor und sage Mira: «Schaffe!» Sie springt sofort hoch und drängt an die Autotüre. Ich ziehe ihr das Therapiehunde-Geschirr an. Sie lässt sich kaum mehr bändigen und zieht mich bereits voller Vorfreude zum Eingang. Zuerst besuchen wir eine grosse Hundeliebhaberin. Sie kann sich nicht mehr bewegen, liegt da und lässt den Kopf auf die Seite hängen. Ich klopfe, öffne und rufe: Frau …! Mira kommt zu Besuch! Mit einem Lächeln wiederholt sie «Mira». Auf die Frage, ob Mira wieder zu ihr ins Bett hochkommen dürfe, sagt sie: «Ja, natürlich». Mira hat da bereits schon den Kopf durchs Gitter gestreckt. Ich nehme die Hand der Bewohnerin und streichle mit ihr zusammen Mira. Dann suche ich grössere Stücke Gutzis und lege sie der Frau zwischen die Finger. Sie kann sie knapp festhalten und gibt sie Mira. Dabei strahlt sie. Ich verteile verschiedene Gutzis in der Nähe im Bett und Mira sucht sie. Die Bewohnerin geniesst es offensichtlich, wenn Mira sie während der Suche berührt. Ich merke, dass die Frau müde wird und verabschiede mich. Mira stupst sie noch schnell an die Nase. Beim Rausgehen blicke ich zurück und merke, dass sie mich intensiv anschaut. Auf die Frage, ob sie mir was sagen möchte, antwortet sie, wir sollen noch bleiben und nicht schon gehen. Was wir natürlich dann auch machen.

Dann treffen wir im Foyer auf weitere Bewohner, die vom Personal dorthin gebracht worden sind. Mira will sich von allen streicheln lassen. «Ich habe nie Hunde gehabt. Ich weiss halt nicht was tun. Und ich bin selber kein Hund», meint eine Dame. Eine andere meint, wie schön, wieder einen Hund streicheln zu können, sie hätte ihren leider vor einem Jahr einschläfern lassen müssen. «Ich weiss halt nicht was tun. Ich bin kein Hund,» wiederholt die eine Dame. Jemand kann Mira in einem Schüsselchen Wasser geben, jemand anders möchte Mira auf dem Schoss haben. Eine Dame erzählt alle paar Minuten, dass sie zehn Hunde hatte und einer sie im Wald vor einem bösen Mann beschützt hätte. Wir werfen das Futtersäckli, und Mira muss auf den Befehl «i d Hand» dieses zurückbringen. Die betreffende Person darf dann Gutzis rausnehmen, was feinmotorisch gar nicht so einfach ist: Klettverschluss und Reissverschluss öffnen und die kleinen Leckereien rausnehmen und dann alles wieder schliessen. So machen wir verschiedene Spiele, die sowohl den Menschen wie auch Mira grosse Freude bereiten: Futter in Papier einpacken und Mira auspacken lassen, Futter verstecken und Mira suchen lassen, Gutzis in bunte Becher legen oder im Flickenteppich verstecken, mit drei Stoffsträngen einen Zopf flechten und darin Gutzis verstecken und viele, viele Spiele mehr. Häufig geht es vor allem darum zuzuhören und natürlich zu streicheln, letzteres schätzt Mira und geniesst es. Eine Dame, immer gepflegt und «zwäg gmacht», möchte mit Mira, wie immer, im Foyer spazieren gehen.

Was bringt das alles?

Bringt es überhaupt etwas? Diese Fragen stellte ich mir die ersten Male bei unseren Einsätzen selber. Als wir aber beim fünften Besuch von einer dementen Frau strahlend begrüsst wurden mit: «Da ist ja Mira wieder», war mir klar, dass unser Besuch etwas bewegt. Und nun nach dem 20. Besuch weiss ich, dass Mira sehr viel Freude bereiten und Fenster zu etwas Vergangenem, Gelebten öffnen kann. Es bringt den besuchten Menschen Freude, Abwechslung, Nähe, Liebe und ein wenig Action. ABER: ich merke, es bringt vor allem auch Mira und mir sehr, sehr viel. Vor dem Besuch bin ich immer etwas angespannt. Was treffe ich an? Welche Situation? Stimmung? Und am Schluss gehe ich mit einem Hochgefühl und reich beschenkt weg. Es bin nicht ich, die «wohltätig» ist, sondern es sind die besuchten Menschen, die mich bereichern.

Dann muss ich mir immer wieder neue Spiele und Spielsachen überlegen und herstellen, Nähmaschine aktivieren und basteln. Letzten Sonntag habe ich beispielsweise stundenlang an einem Fötzeliball, einem Schnüffelball (siehe Foto) aus vielen Stoffbahnen gearbeitet, in dem man Gutzis verstecken kann. Ist doch viel besser als faul herumzuliegen. Als Nächstes kreiere ich einen Teppich aus lauter Pompons. Dafür konnte ich einige Freundinnen und Verwandte motivieren, mitzuhelfen, diese Zötteli herzustellen. Auch die Beziehung mit Mira hat sich intensiviert, weil wir immer wieder zusammen neue Tricks lernen. Ich fühle mich dank diesen Therapiehundeeinsätzen rundum bereichert.

Aber was hat das alles mit dem Anfang meines Blogs zu tun?

Ins Altersheim kommt man ja meist erst, wenn es zuhause gar nicht mehr geht, körperlich oder geistig. Bis dahin kann man in den eigenen vier Wänden leben, unterstützt durch Spitex und andere grossartig Helfende. Wie ich nun in der Sphinxmatte beobachten kann, werden die Bewohner mit Respekt und Engagement betreut und gepflegt. Mir kommt diese Welt wie ein eigenes Universum vor. Ein Universum mit anderen Werten, besonderen Qualitäten und neuen manchmal kunterbunten und konfusen Vorstellungen. Das Alter kommt nicht alleine, sagt man. Es bringt Gebrechen und Einschränkungen, Leiden und Not mit sich. Und wenn es nicht mehr geht, ist es für mich eine Beruhigung zu wissen, in einem Altersheim so gut behütet und betreut zu werden, wie ich es in der Sphinxmatte beobachten kann.

Ich denke, das beklemmende Gefühl GILT NICHT DEM ALTERSHEIM AN SICH, sondern dem, was dazu führt, dorthin umziehen zu müssen: All die vorgestellten und möglichen Gebrechen und Leiden, die einem das Alter bringen kann. Mit diesen hohen Lebensjahren verbunden ist das peinigende Gefühl vom Verlust der Selbstbestimmtheit, der Kontrolle auch über seinen Körper und bei Demenz dem Wegfall  der  Identität, der Persönlichkeit, dem verbrachten und bestandenen Leben. Das ist die Furcht. Das Altersheim ist nur das Symbol dafür und schlussendlich die Möglichkeit, umsorgt die letzte Lebenszeit zu verbringen.

Ihre Iris Minder

(Foto anonymisiert wegen Persönlichkeitsschutz)

4 Kommentare

  1. Liebe Iris,
    ich bin ganz verwirrt. Wie viele Berufsjahre lang habe ich GENAU das erzählt, was du in dem letzten Abschnitt deiner Kolumne schreibst: nicht das Altersheim fürchten wir, sondern die Umstände, die es nötig machen. Und abgesehen davon: wie ist das für die Angestellten der Heime, wenn die Leute von ihrem Arbeitsort als “Horrorort” sprechen – wo wir doch alle einfach dankbar sein müssen, dass es ihn gibt. Also: das ist wunderbar wie wir da haargenau gleich empfinden, ich kämpfte viele Kämpfe in diesem Thema mit erwachsenen Kindern, betagten Menschen und Institutionen…
    Du machst das mit Mira sicher grossartig. Das einzige, was mich stört ist der Name “THERAPIEhund”. Was gibt es denn zu therapieren? Mira ist eine Besuchshündin, fertig. Sie übernimmt stellvertretend und mit dir zusammen DIE Aufhabe, die unser aller Aufgabe ist: sie bringt ein Stück LEBENin den Alltag der BewohnerInnen. Es ist die Aufgabe, die wir Depressiven und Dementen und und und.. gegenüber haben. Es braucht keine Ausbildung als BesucherInnen, nur das Leben an sie heran tragen, das ist es doch.
    Du machst das ja in so mannigfacher Art und Weise, und das ist grossartig.
    Heb e guets Wuchenändi – Gertrud

    1. Liebe Gertrud

      Ich danke dir für deinen erneut tiefen und gescheiten Kommentar.

      Dich stört der Name Therapiehund. Man nennt das einfach im Volksmund so, eigentlich nennt man es, wie ich ja erwähnt habe, “tiergestützte Aktivitäten”. Schön auch, wenn es Menschen gibt, die einfach so Besuche im Altersheim machen. Das ist wertvoll und dazu braucht es in der Tat keine Ausbildung.

      Tiergestützte Aktivitäten jedoch gehören in den Bereich einer bewussten und geplanten Aktivierung. Es sind sozusagen professionelle Einsätze mit klar definierten Zielen. Wir werden ausgebildet in Hygiene und Schutzmassnahmen, wir lernen vieles über Krankheitsbilder und wie man damit umgeht. Wir bekommen Tipps in Kommunikation und Umgang mit den zu besuchenden Personen und werden über Hintergründe zu Aktivierung und Übungen informiert, damit sowohl der Hund wie der besuchte Mensch Freude haben können. Eine Institution muss Gewissheit haben, dass das Wesen des Hundes tierärztlich geprüft wurde, wie auch die Gesundheit des Tieres immer wieder kontrolliert wird. Ebenso ist es für den Hundeführer wichtig, sein Tier zu kennen und mindestens einen Grundgehorsam zu haben. Wenn ein Hund bei einem tiergestützten Einsatz auf dem Bett sich neben einen Bewohner legen soll, sind sowohl Wesen wie Hygiene zentral. Wir machen bewusste und durchdachte Einsätze, die vorbereitet sind und klare Ziele haben. Ich besuche mit Mira auch ab und zu einen Kindergarten. Durch meine Ausbildung und mein erworbenes Wissen kann ich durchdachte Übungen auch mit den Kindern machen. Dank der Ausbildung sind Mira und ich jetzt ein eingespieltes Team und dank dem fundierten Wissen habe ich auch Sicherheit im Umgang mit den besuchten Erwachsenen und Kindern.

      Herzlich Iris

  2. Liebe Iris
    Bin momentan sprachlos. Nicht ob deiner “Geschischte”…sondern…nein, mein Gefühl müssen wir mal persönlich besprechen. Es liegt mir soviel am herzen…das geht nur persönlich.
    Danke für deine Erfahrung. Bringt mir viel.

    Du hörst von mir.
    Liebe gruess sonja

  3. Älter werden ist die Herausforderung des Lebens. Passiert allen andern nur mir nicht, dachte ich in der Jugendzeit.
    Und jetzt? in der Zwischenzeit bin ich tatsächlich älter geworden!
    Nächste Station: Tief durchatmen, es passiert allen andern, nur mir nicht:
    Ich werde nicht krank, ich werde nicht dement, ich werde noch lange nicht sterben.
    Wohl dem der das kann.
    Ich habe gelernt mit sterbenden Menschen umzugehen, ihnen möglichst alle Wünsche zu erfüllen. Sie zu streicheln, wenn sie es wollen, zuzuhören, wenn sie erzählen wollen. Die Mimik der Demenzkranken zu erahnen.
    Sterbende Menschen: Dasein nur für sie, wo immer sie auch leben.
    Wie wohltuend muss es sein ein weiches Hundefell zu streicheln und wie grossartig muss dieses Gefühl sein auch als Mensch mit hohem Alter eine Aufgabe zu haben.
    Ich lerne, zum Älterwerden braucht es viel Mut. Zum Sterben, Grösse. Ich hoffe, dass ich diese haben werde.
    Passiert allen andern, mir auch.
    Sylvaine

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