Bisher habe ich über vierzig Beiträge unter dem Titel «E chly zrügg luege» geschrieben. Und ich freue mich, dass Sie mich dabei als treue Leserinnen und Leser begleitet haben.
Zurückzublicken gäbe es noch auf vieles. Doch in letzter Zeit merke ich, dass sich mir beim Blick zurück immer häufiger der Vergleich mit dem Heute aufdrängt. Ich bin inzwischen 75 Jahre alt und ertappe mich dabei, das Jetzt zu kritisieren und manchmal auch zu verurteilen.
O Schreck! Gehöre ich jetzt schon zu denen, die finden, früher sei alles besser gewesen?
Das will ich auf keinen Fall.
Also höre ich auf, zurückzuschauen.
Stattdessen möchte ich darüber schreiben, was ich heute erlebe und beobachte, was mich beschäftigt, freut oder ärgert. Einfach frisch von der Leber weg. Manchmal emotional, immer sehr persönlich, gelegentlich ironisch und hoffentlich ab und zu mit einem Augenzwinkern.
Ob mir das gelingt? Ich werde es sehen. Über einen Austausch mit Ihnen würde ich mich jedenfalls freuen.
Darüber schreibe ich noch nicht
Um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, werde ich mich vorerst zurückhalten. Über Könige, Kaiser, Vögte und andere Menschen mit ausgeprägtem Herrschaftsdrang schreibe ich also noch nicht. Ebenso wenig über Politikerinnen und Politiker, die offenbar vergessen haben, dass Politik etwas mit Gemeinschaft zu tun hat.
Nein. Darüber schreibe ich jetzt wirklich nicht.
Heute geht es um etwas ganz anderes.
Ich bin alt
Allein diese Tatsache zu akzeptieren und laut auszusprechen, ist schon eine kleine Leistung.
Vor einiger Zeit hörte ich in einem Laden eine Mutter zu ihrer kleinen Tochter sagen:
«Pass auf! Stoss die alte Omi nicht!»
Sie sprach von mir!
So sieht man mich also.
So sehe ich mich allerdings überhaupt nicht.
Dabei muss ich an meine Mutter denken. Noch kurz vor ihrem Tod, schwer krebskrank und 93 Jahre alt, meinte sie, das Alter habe eigentlich nichts mit ihr zu tun.
Ich glaube, ich verstehe heute, was sie meinte.
Natürlich haben die gelebten Jahre ihre Spuren hinterlassen. Vor allem am Körper. Das gebe ich mit einer gewissen Zerknirschung zu. Aber das, was ich bin, diejenige, die ich in meinem Innersten bin, scheint alterslos zu sein.
Da sind noch immer Ideen, Pläne, Gedanken und Wünsche. In dieser Hinsicht empfinde ich kaum einen Unterschied zu meinem jüngeren Ich.
Einen Unterschied gibt es allerdings: Ich bin gelassener geworden. Ich muss mir weniger beweisen. Und ich kann viel bewusster geniessen, dass ich noch aktiv und kreativ sein darf.
Das ist ein Geschenk.
Manchmal frage ich mich, ob es vielleicht das ist, was wir Seele nennen. Etwas in uns, das nicht altert.
Ich stelle mir das so vor: Da ist ein grosses Meer aus Energie. Bei der Zeugung blitzt etwas davon in einen neuen Menschen, lässt das Herz schlagen und die Zellen wachsen. Und wenn der Körper irgendwann stirbt, fliesst diese Energie zurück in dieses grosse Meer.
So stelle ich mir das jedenfalls vor.
Und vielleicht ist das der Grund, weshalb wir uns tief in unserem Innern gar nie wirklich alt fühlen.
Der Körper sieht die Sache allerdings etwas anders.
Ach ja, der Körper.
Wie der einen plötzlich ausbremsen kann!
Da wäre zum Beispiel die Blase. Sie hält zwar noch. Aber gelegentlich braucht es erstaunlich schnelle Beine, um rechtzeitig die Toilette zu erreichen.
Nach längerem Sitzen wieder gerade aufzustehen, kann ebenfalls zu einer kleinen sportlichen Herausforderung werden. Treppen hinauf und hinunter zu steigen, wird mühsamer. Manchmal so mühsam, dass ich aus dem Augenwinkel bemerke, wie jemand mich beobachtet und offenbar bereit wäre, mich aufzufangen.
Genauso hatte ich mich früher bei einer älteren Freundin verhalten, wenn wir gemeinsam unterwegs waren.
Aber sie war alt.
Ich bin es nicht!
Jawohl.
Ich bin schliesslich noch sicher auf den Beinen. Die Gelenke schmerzen halt ein wenig und sind manchmal etwas steif. Und das, obwohl ich regelmässig im Physiotherapiezentrum ins Fitness gehe.
Dann wären da noch die Oberarme.
Kürzlich winkte ich jemandem zu und sah mich dabei zufällig in einem Schaufenster.
Ich schaute nochmals hin.
Was flattert denn da?
Ich trug doch gar keine Bluse mit weiten Ärmeln.
Nein.
Das war meine Haut.
Und dabei trainiere ich Bizeps und Trizeps!
Und dann wären da noch die Haare. Ausgerechnet dort, wo man sie auf keinen Fall haben möchte, spriessen sie plötzlich üppig. Dort hingegen, wo man sich einen dichten Haarschopf wünscht, werden sie immer dünner. Auch die Schönheit kommt also etwas in die Jahre. Zum Glück muss ich nicht als Mannequin glänzen. Und wenn doch – die Speckröllchen würden wohl ebenfalls ein Wörtchen mitreden.
Auch die Müdigkeit kommt schneller als früher. Und die Erholung dauert länger. Das gefällt mir nicht. Gar nicht.
Ich sitze nun allerdings nicht zu Hause und gräme mich über diese altersbedingten Veränderungen. Es müsste einfach nicht sein.
Am unangenehmsten ist wohl, dass der Körper einen immer wieder daran erinnert, dass die Zeit vergeht.
Kürzlich las ich von einer Untersuchung, bei der unter anderem die Fähigkeit getestet wurde, zehn Sekunden auf einem Bein zu stehen. Natürlich musste ich das sofort ausprobieren.
Je nach Konzentration schaffe ich ungefähr acht Sekunden.
Wer es nicht schafft, hat gemäss dieser Untersuchung ein deutlich erhöhtes Risiko, innerhalb der nächsten zehn Jahre zu sterben.
Das bringt einen dann doch zum Nachdenken.
Plötzlich ist sie da, diese Endlichkeit. Nicht als abstrakter Gedanke, sondern irgendwo in der Brust, beim Herzen, mitten im Leben.
Dann muss ich mir ganz bewusst sagen:
Nicht daran denken. Leben. Aktiv bleiben.
Und das hilft.
Denn trotz allem stehe ich noch mittendrin.
Die Arbeit am Stück «DIE GEIZIGEN», frei nach Molières «L’Avare», mit den neunzehn Jugendlichen vom Theater A.R.T.H.U.S ist für mich ein wunderbares Geschenk. Diese jungen Menschen mit ihrer Energie, ihren Träumen und ihrem Engagement beflügeln mich. Ich liebe sie.
Bei der Seniorenbühne JAWOHL unter der Leitung von Lorenz Probst einfach lustvoll spielen zu dürfen, ohne berufliche Verantwortung tragen zu müssen, ist ebenfalls herrlich.
Am Freitag am Stammtisch mit Freunden und interessanten Persönlichkeiten über wichtige Themen zu diskutieren und sich dabei angenommen und aufgehoben zu fühlen, bedeutet mir viel.
Und noch schreiben und denken zu können – manchmal mit ein paar kleinen Patzern –, empfinde ich als etwas Grossartiges.
Das alles erfüllt mich und macht mich glücklich.
Eines ist für mich deshalb klar:
Wie schön, dass ich alt werden darf.
Wie grossartig, dass ich in einem Land leben darf, das mir Sicherheit und Versorgung bietet. Dass ich ein warmes, schönes Zuhause habe. Dass so viele liebevolle Menschen um mich herum sind.
Und die anderen?
Die verdränge ich.
Sie sind keines Gedankens wert.
Alles Liebe
Iris Minder
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