Iris Minder

Blog

Hier und heute (2) – Was ist uns unsere Kultur noch wert?

Die Politik

Wieder ist Herbst. Und wieder herrscht eine aufgeregte Kürzungsorgie in den Gemeinden, Kantonen und beim Bund. Uns Kulturschaffenden und den zahlreichen Institutionen mit ihren vielen ehrenamtlich Helfenden blutet das Herz.

Suisseculture, der Dachverband der professionellen Kulturschaffenden, schreibt zu den geplanten Kürzungen beim Bund:

«Die geplanten Massnahmen sind der grösste Abbau der Kulturförderung in der Geschichte des modernen Bundesstaates.»

Für die Jahre 2027, 2028 und 2029 sind Einsparungen von 6,1, 9,8 beziehungsweise 12,4 Millionen Franken vorgesehen.

Auch im Kanton Solothurn wird vielerorts der Rotstift angesetzt. Unter anderem soll die Zentralbibliothek von erheblichen Kürzungen betroffen sein. Olten will die Beiträge an die Kabarett-Tage und das Theater reduzieren. Dornach plant Einsparungen bei der Jugendförderung, den Vereinen und der Kultur. Und Grenchen will seine Beiträge an das Kunsthaus und die Triennale beträchtlich kürzen.

Mir ist der Konflikt durchaus bewusst. Die öffentliche Hand muss ihre Finanzen im Griff behalten. Schulden lassen sich nicht unbegrenzt anhäufen. Eine Gemeinde hat Verpflichtungen, denen sie nachkommen muss: Strassen, Schulen, soziale Sicherheit und vieles mehr. Der Finanzhaushalt muss im gesetzlichen Rahmen ausgeglichen sein.

Und was bleibt, wenn das Geld knapp wird? Man streicht bei den sogenannten freiwilligen Ausgaben. Bei der Kultur. Bei der Jugendförderung.

Ausgerechnet dort also, wo angesichts unserer gesellschaftlichen Entwicklung besonders viel Engagement nötig wäre.

Warum?

Die Gesellschaft

Gleichzeitig müssen wir mit Sorge feststellen, wie schwierig es in unserer Gesellschaft geworden ist, demokratische Konflikte friedlich und respektvoll auszutragen.*

Das eigene Wohlbefinden scheint vielen wichtiger als die Verantwortung für die Gemeinschaft. Es wird konsumiert, als gäbe es kein Morgen. Billigste Kleider werden gekauft, vielleicht ein Wochenende getragen und anschliessend weggeworfen.

Man empört sich über zugemüllte Landschaften, Strassen und Quartiere, ohne selbst etwas dagegen zu unternehmen. Man beklagt die Jugend, die verödenden Innenstädte und die zunehmende Vereinsamung. Dabei betrifft Einsamkeit längst nicht nur ältere Menschen. Auch Kinder und Jugendliche leiden darunter.

Ein erheblicher Teil ihres Lebens spielt sich heute in der digitalen Welt ab. Soziale Medien versprechen Freundschaft und Zugehörigkeit. Doch häufig bleibt von diesen Versprechen wenig übrig. Stattdessen machen sich Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Orientierungslosigkeit breit.

Gleichzeitig locken nach immer gleichen Mustern produzierte kulturelle Massenveranstaltungen, bei denen vor allem der wirtschaftliche Erfolg zählt. Wie im alten Rom werden «Brot und Spiele» geboten, um die Menschen bei Laune zu halten.

Ich habe zunehmend den Eindruck, dass unsere westliche Gesellschaft in eine Sackgasse geraten ist.

Menschen treten aus der Kirche aus, während gleichzeitig das Interesse an der eigenen kulturellen Herkunft schwindet. Für mich ist das eine Form der kulturellen Entwurzelung. Der moralische und identitätsstiftende Boden wird brüchig. Ein gemeinsames Fundament geht verloren.

Das individuelle Wohlbefinden wird zum obersten Massstab. Feiertage wie Ostern und Weihnachten verkommen zu Konsumanlässen. Viele junge Menschen verlieren den Bezug zu christlichen Traditionen und zu unserer Geschichte.

Was bleibt, wenn gemeinsame Werte und gewachsene Traditionen ihre Bedeutung verlieren?

Orientierungslosigkeit, schwindender Gemeinschaftssinn, mangelnde Solidarität und Vereinsamung können die Folgen sein.

Man sucht nach Ersatz. Im grenzenlosen Konsum etwa, der beinahe religiöse Züge annimmt. Oder bei politischen Gruppierungen, die einfache Antworten auf schwierige Fragen versprechen.

Ich befürchte, dass wir in der Schweiz zunehmend in einem kulturellen Vakuum leben. Und ein solches Vakuum bleibt selten lange leer. Machtbewusste Gruppierungen versuchen, es zu füllen. Sie verbreiten Unwahrheiten, diffamieren Andersdenkende und erklären staatliche Institutionen und Behörden kurzerhand zu Schuldigen sämtlicher Probleme.

Ein Graus!

Dabei gibt es durchaus Gemeinschaften, in denen eine lebendige Kultur gepflegt wird. Menschen praktizieren ihren Glauben, finden darin Halt und Orientierung, verfügen über tragfähige soziale Netzwerke und pflegen ihre Rituale. Sie vermitteln ihre Werte und Traditionen an die nächste Generation weiter.

Das zeigt, wie wichtig ein gemeinsames kulturelles Fundament sein kann.

Umso mehr beschäftigt mich die Frage, was aus einer Gesellschaft wird, die ihre eigenen gewachsenen Wurzeln zunehmend vernachlässigt.

Drohen diese Wurzeln im kulturellen Vakuum zu verschwinden?

Werte und Identität

Ich wünsche mir, dass die Politik und die Menschen in verantwortungsvollen Positionen wieder deutlicher aufzeigen, welche Bedeutung die Kultur für unsere Gesellschaft hat.

Kultur ist nichts Elitäres.

Sie trägt wesentlich dazu bei, dass eine Gemeinde für Familien mit Kindern, für neue Einwohnerinnen und Einwohner und auch für gute Steuerzahlende attraktiv ist.

Eine lebendige Kulturszene zieht Menschen an. Sie belebt die lokale Gastronomie, das Gewerbe und die Hotellerie. Sie bringt Leben in die Städte und Dörfer.

Theater, Bibliotheken, Museen, Vereine und andere Kulturorte ermöglichen Begegnungen zwischen Generationen und sozialen Schichten. Hier wird diskutiert, gestritten, gelacht, gelernt und gemeinsam etwas geschaffen.

Junge Theaterspielerinnen und Theaterspieler der Gruppe A.R.T.H.U.S. in verschiedenen Kostümen
Junge Menschen erleben beim Theater Gemeinschaft, Kreativität und Freude am gemeinsamen Spiel.

Allerdings lässt sich der Wert der Kultur nicht so einfach in Franken und Rappen ausdrücken.

Lebensqualität, Zusammenhalt, Identität und Gemeinschaftssinn sind immaterielle Werte. In den Tabellen der Finanzverantwortlichen erscheinen sie kaum.

Also streichen!

Ich erinnere mich an einen Finanzchef, der mir einmal sagte:

«Ich bin auch ohne Kultur gross und stark geworden.»

Stimmt.

Die Frage ist nur: Wie?

Noch ein Wort zu Grenchen

Eines möchte ich ausdrücklich festhalten: Ich bin Grenchen sehr dankbar.

Als Theaterschaffende und Leiterin des Amtes für Kultur in den 1990er-Jahren durfte ich erleben, wie wohlwollend die Stadt mich und meine Projekte aufgenommen und unterstützt hat. Diese Wertschätzung habe ich nie vergessen.

Auch heute gibt es Menschen, die sich mit grossem Engagement für die Kultur einsetzen.

So bemüht sich die Kulturbeauftragte Jenny Mattila intensiv darum, dass meine Nachfolger Nadja Rehli und Lorenz Probst mit ihren Theatergruppen ab Ende April 2027 einen neuen Theater- und Arbeitsraum erhalten.

Dieses Engagement ist bemerkenswert. Es zeigt die Wertschätzung gegenüber Theatergruppen, die seit einem Vierteljahrhundert unzähligen Kindern, Jugendlichen und älteren Menschen aus Grenchen und Umgebung ermöglichen, sich mit den vielfältigen Ausdrucksformen des Theaters auseinanderzusetzen und selbst auf der Bühne zu stehen.

Erwachsene Theaterspielerinnen und Theaterspieler bei einem gemeinsamen Auftritt
Auch die Theaterarbeit mit Erwachsenen schafft Begegnungen und lebendige Gemeinschaft.

Ein geeigneter Raum schien bereits gefunden: ein leerstehendes, bislang ungenutztes Lokal.

Die Gruppen waren bereit, mit viel Eigeninitiative, eigener Arbeit und professioneller Unterstützung diesen Ort für ihre Theaterarbeit nutzbar zu machen.

Eine wunderbare Aussicht!

Und was geschieht?

Aus Kostengründen soll dieser ideale Raum nun doch nicht zur Verfügung gestellt werden.

Das muss man sich einmal vorstellen!

Da wird über einen Bootshafen gesprochen, für den Millionen ausgegeben werden sollen und von dem vergleichsweise wenige Bootsbesitzer profitieren würden. Gleichzeitig fehlt offenbar das Geld, um bewährten Theatergruppen einen geeigneten Arbeitsort zu ermöglichen.

Das macht mich traurig. Und sprachlos.

Meine Wünsche an die Politik

Ich wünsche mir, dass sich die Politik gerade in unserer heutigen Zeit wieder öffentlich und mit Überzeugung für die Kultur einsetzt.

Dass sie Kultur als unverzichtbaren Bestandteil unserer Gesellschaft anerkennt und dies auch in ihren politischen Programmen zum Ausdruck bringt.

Und zwar in ihrer ganzen Vielfalt. Von der kleinen Theatergruppe über den Dorfverein bis zum Museum, von der Bibliothek bis zum Konzertsaal. Kultur darf sich nicht auf grosse, publikumswirksame Veranstaltungen beschränken.

Ich wünsche mir Politikerinnen und Politiker, die den Menschen vermitteln, weshalb unsere gewachsenen kulturellen Werte wichtig sind und warum es sich lohnt, sie zu pflegen und weiterzugeben.

Ebenso wichtig ist mir die Förderung von Kindern und Jugendlichen. Sie brauchen Gelegenheit, das Leben auch ausserhalb der digitalen Welt zu entdecken. Sie sollen gemeinsam spielen, musizieren, Theater machen, diskutieren, Verantwortung übernehmen und erfahren, was es bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Denn eines Tages werden sie unsere Gemeinden, unsere Kantone, unser Land und vielleicht auch die Welt mitgestalten.

Schon Aristoteles und viele Philosophen nach ihm beschäftigten sich mit der Verantwortung der Politik für Gerechtigkeit und Gemeinwohl.

Für mich bedeutet diese Verantwortung, Frieden und Stabilität zu sichern, die Sorgen und Wünsche der Bevölkerung ernst zu nehmen, Gerechtigkeit anzustreben, Konflikte friedlich auszutragen und gemeinsam tragfähige Kompromisse zu finden.

Und zum Schluss noch ein ganz persönlicher Wunsch:

Grenchen, gib dir einen Ruck!

Ermögliche den Kinder- und Jugendtheatergruppen BLITZ und A.R.T.H.U.S. sowie dem theater, JAWOHL, ihren neuen Raum!

Wie wäre es mit einem Theaterhafen?

Ein Ort, an dem junge Menschen anlegen, sich entfalten und zu neuen Ufern aufbrechen können.

Das wäre doch einmal eine Investition in die Zukunft!

Ihre Iris Minder

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